Die richtige Wahl der Schauspieler­porträts:
Die häufigsten Fehler

Weißt du, wie Caster auswählen?

Sie suchen einen Typ für eine Rolle. Sie sehen ein Bild.
Und sie entscheiden danach, wen sie einladen. Noch bevor sie dich je gesehen haben.

Was passiert, wenn du dann zur Tür hereinkommst und diesem Bild nicht entsprichst, habe ich selbst erlebt.

Die Bildauswahl nach einem Shooting

Nach einem Schauspielerporträt-Shooting bespreche ich mit meiner Kundin die Bildauswahl. Wir haben viele Aufnahmen gemacht. Jetzt geht es um die entscheidende Frage: Welche Bilder werden bearbeitet?

Carina ist Schauspielstudentin und hat damit noch keine Erfahrung. Sie weiß nicht, worauf sie bei der Auswahl achten soll.

Sie sagt: „Ich würde gerne meine Freunde fragen. Die kennen mich gut und wissen, welche Bilder mir entsprechen.“
Gleichzeitig zeigt sie mir ihre Favoriten. Bilder, auf denen sie sich besonders gut gefällt.

Genau hier passieren die ersten Fehler.

Ich habe sie vor dem Shooting vorbereitet. Wir haben ein klares Konzept umgesetzt. Die Bilder sieht sie jetzt als Vorschau in einer Galerie.

Die Auswahl ist der entscheidende Schritt. Deshalb begleite ich sie dabei.

Viele Menschen wählen Fotos danach aus, wie sie sich selbst kennen. Dieses Bild ist geprägt vom Spiegel. Wir sehen uns täglich seitenverkehrt und gewöhnen uns daran. So entsteht ein Eindruck, der nicht mit dem übereinstimmt, was andere wahrnehmen.

Dazu kommt, dass Freund*innen nach Gefühl entscheiden. Sie wählen das süßeste, das auffälligste oder das ästhetisch spannendste Bild. Für eine Bewerbung ist das nicht entscheidend.

Gerade die Bilder, die besonders wirken oder ungewohnt erscheinen, werden oft bevorzugt. Für Schauspielerporträts ist das ein Problem. Caster*innen müssen dich sofort wiedererkennen.

Ich rate Carina davon ab, nach Gefühl oder Zustimmung auszuwählen. Ich unterstütze sie bei der Entscheidung. Mir ist wichtig, dass sie versteht, worauf es ankommt.

Genau hier liegt das Problem.
Und ich kenne es aus eigener Erfahrung.

Deshalb erzähle ich ihr von meinen eigenen Fehlern mit Schauspielerporträts.

Meine ersten professionellen Schauspielerporträts

Style but no substance

Wir schreiben das Jahr 1987. Ich bin 18 Jahre alt und im ersten Semester meines zweiten Studienjahres an der Schauspielschule.

Auf einer Premierenfeier spricht mich eine Dame an. Sie leitet eine Modellagentur in Wien und plant den Einstieg ins Filmgeschäft. Sie baut ihr Team auf und sucht Schauspieler*innen für ihre Kartei. Sie hat mich beobachtet und möchte mich aufnehmen.

Ich bin geschmeichelt. Gleichzeitig wird mir klar: Ich habe keine professionellen Fotos.

Ich brauche Schauspielerporträts.
Die Agentin beruhigt mich. Das sei kein Problem, sie brauche ohnehin aktuelle Bilder. Sie empfiehlt mir einen Fotografen, mit dem sie seit Jahren arbeitet. Einer der besten, sagt sie.
Die Empfehlung klingt nicht wie ein Vorschlag, sondern wie eine Vorgabe. Also kontaktiere ich ihn.

Er ist nicht günstig. Er bietet mir einen Agentur-Sonderpreis an. Ich gehe davon aus, dass die Agentur daran beteiligt ist. Trotzdem denke ich: Wenn ich gute Jobs bekommen will, müssen die Fotos den Erwartungen der Agentin entsprechen.
Ich vereinbare einen Termin.

Warum ich nicht zu meiner Großmutter gehe, die als Fotografin fast alle Burgschauspieler porträtiert hat?

Weil ich überzeugt bin, dass ich etwas anderes brauche. Moderne, trendige Bilder. Fotos, die mich nach Hollywood katapultieren. Keine klassischen, altmodischen Porträts. Nichts Verstaubtes.

So denke ich damals.

Ein Kurzschluss.

Wenn der Fotograf keine Ahnung von Schauspieler­fotografie hat …

Am Set treffe ich auf die Visagistin, die mit der Agentur arbeitet. Ihr Umgang mit Pinseln und Farben beeindruckt mich. Gleichzeitig erschreckt mich die Menge, die sie aufträgt.

„Bitte nicht zu viel“, sage ich vorsichtig. „Ich schminke mich eigentlich nie.“
Sie lächelt und sagt, ich solle ihr vertrauen. Sie habe schon viele bekannte Topmodels geschminkt.
Ich lasse es geschehen.

Dann sehe ich mich im Spiegel.
Ich erkenne mich nicht wieder. Stark geschminkt, völlig ungewohnt. Ich sehe aus, als hätte ich eine Rolle übernommen, die nicht zu mir gehört. Die Arbeit ist handwerklich gut. Aber ich fühle mich fremd.

Manche Menschen blühen mit starkem Make-up auf.
Ich nicht.
Ich fühle mich erdrückt.

Dann die nächste Frage: Was ziehe ich an?

Ich habe einen Koffer voller Kleidung mitgebracht. Ohne Konzept.

Was passt für Schauspielerporträts?
Was soll ich vor der Kamera tun?
Worauf kommt es an?

Ich weiß es nicht.
Und wie sich zeigt, weiß es der Fotograf auch nicht.
Er arbeitet mit Models, die vor der Kamera posieren können. Kleidung interessiert ihn nicht. Er geht davon aus, dass Schauspieler*innen wissen, was sie tun.

Für mich ist es eine neue Erfahrung, keine Anweisungen am Set zu bekommen.
Als Kind stand ich oft vor der Kamera meiner Großmutter oder habe ihr bei Shootings assistiert. Sie hat jeden Schritt genau vorgegeben. Haltung, Blick, kleine Korrekturen bis ins Detail. Damals habe ich das als anstrengend empfunden.
Auch bei den Schauspieler*innen, die sie fotografiert hat, wurde nichts dem Zufall überlassen.

Jetzt stehe ich vor der Kamera und bekomme keine Anleitung. Und plötzlich fehlt mir genau das.

Der Fotograf sagt kaum etwas. Zwischendurch wirkt er genervt. Er habe sich die Arbeit mit Schauspieler*innen anders vorgestellt. Die müssten doch wissen, wie man sich vor der Kamera bewegt.

Ich fühle mich unsicher und beginne, an mir zu zweifeln.
Nach einer halben Stunde ist das Shooting vorbei. Dann beginnt das Warten.

Einige Zeit später halte ich die fertigen Fotos in den Händen. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Gleichzeitig hoffe ich, dass es besser wirkt, als es sich angefühlt hat.

Dann sehe ich die Bilder.

Dann werden mir die Fotos geliefert – Wer ist das?

Die Ergebnisse sind … ich ringe nach Worten.
Mäßig?
Nein.

Ich erkenne mich nicht wieder.

Meine Augen wirken leer. Statt Präsenz sehe ich Unsicherheit. Das Make-up verstärkt alles. Meine Haare wirken plötzlich rötlich.
Nichts passt zusammen. Und doch ist es kein schlechtes Foto.

Das Bild bekommt viele Komplimente.
Schön. Auffällig. Besonders.

Und alle, die mich kennen, sagen dasselbe:
„Bombe.“
Aber: „Das bist nicht du.“

Die Agentin sieht das anders.
Sie ist begeistert. Nimmt die Bilder sofort und verspricht mir Einladungen zu Castings.

Mein erstes Casting – ein entbehrliches Erlebnis

Die Agentur ruft mich an. Ich bin eingeladen. Eine Waschmittelwerbung. Ich soll kommen, wie ich bin.

Im Wartebereich sitzen aufgetakelte Models. Ich bin die einzige ungeschminkte Person. Kurz frage ich mich, welche Rolle ich hier spielen soll. Die schmutzige Wäsche?

Ich werde aufgerufen.

Im Raum steht eine Kamera. Dahinter ein junger Mann. An einem Tisch sitzen eine Frau und ein Mann, vermutlich die Caster*innen. Vor ihnen liegen viele Fotos.
Ich werde freundlich begrüßt.

Die Frau sieht mich an. Dann auf das Bild in ihrer Hand. Dann wieder zu mir.
Sie schiebt das Foto ihrem Kollegen zu. Beide vergleichen. Blick zu mir. Blick aufs Foto. Wieder zurück.
Ich beobachte genau.
Dann beginnen sie, am Tisch nach weiteren Bildern zu suchen.

In diesem Moment weiß ich, was passiert.
Sie suchen nach jemandem, der so aussieht wie dieses Foto.
Und sie finden niemanden.

Die Frau hält mir das Bild hin. „Ist das dein Foto?“
Ich nicke.
Sie sieht mich an. Dann wieder das Bild.
„Ernsthaft? Du siehst ganz anders aus.“
Sie legt das Foto zurück.
„Es tut mir leid, aber da liegt ein Missverständnis vor. Wir suchen einen anderen Typ. Jemanden wie auf diesem Bild. Das bist du nicht. Wir brauchen dich nicht zu casten.“

Der Mann begleitet mich zur Tür und sagt freundlich: „Lass dir doch professionelle Fotos machen.“
Ich sage nichts.

Die Fotos sind doch professionell, murmele ich.
Mir stehen Tränen in den Augen.

Das Traurige ist: Du kannst dein Talent nicht zeigen, wenn deine Fotos dich falsch darstellen.
Du bekommst nicht einmal die Chance vorzusprechen.

Ich fahre nach Hause. Dann kommen die Tränen. 
Sie lassen mich nicht einmal vorsprechen. Sie erwarten einen anderen Typ.
Dabei bin ich doch die Person auf dem Foto. Man könnte mich doch wieder so herrichten.
Woher wollen sie wissen, dass ich das nicht spielen kann?

Ich fühle mich gedemütigt.
Und gleichzeitig weiß ich: Die Schuld liegt nicht bei den Caster*innen.

Sie liegt bei meinen Fotos.

Diese Erfahrung trifft mich hart. Ich beschließe, die Agentur zu wechseln.
Ich fasse den Mut und stelle mich bei einer renommierten Schauspielagentur vor. Die Agentin kennt meine Großmutter.
Sie sieht sich meine Fotos an und schüttelt den Kopf.
„Nein, damit kann ich dich nicht vermitteln. Niemand interessiert sich dafür, wie du aussehen könntest. Sie wollen sehen, wie du wirklich bist.“

Dann sagt sie: „Lass Porträts von deiner Großmutter machen. Die kennt sich aus.“

Der nächste Fehler

Ich beschließe, neue Schauspielerporträts machen zu lassen.
Diesmal mit natürlichem Make-up. Das habe ich verstanden..

Zu meiner Großmutter gehe ich trotzdem nicht. Ich bin weiterhin überzeugt, dass ich einen modernen Stil brauche.
Dass das Problem woanders lag.
Beim Make-up. Beim falschen Fotografen.
Nicht bei meiner Vorstellung davon, wie die Bilder aussehen sollen.

Ein Bekannter bietet mir ein Shooting an. Kein Berufsfotograf, aber jung, engagiert, „groovy“.
Ich bezahle nur Film, Entwicklung und Ausarbeitung.

Die Agenturchefin ist nicht begeistert. Sie nimmt die Bilder in die Kartei, aber ohne Überzeugung.

Beim nächsten Casting höre ich wieder denselben Satz:
„Wenn du zur Tür hereinkommst, haben wir einen anderen Eindruck von dir.“

Ich ziehe den falschen Schluss.
Dann brauche ich eben mehr Fotos. Eine größere Auswahl. Damit man mich besser einschätzen kann.

Also lasse ich mich weiter fotografieren. Von Freunden. Von Fotografie-Student*innen. Und schließlich von einer jungen, professionellen Fotografin, die mir ein günstiges Angebot macht.

Jetzt habe ich viele Bilder. Unterschiedliche Looks. Unterschiedliche Stimmungen. Sie sind wunderschön. Künstlerisch. Auffällig.
Eines der Bilder gewinnt sogar einen Preis.

Ich bin stolz darauf.
Ich zeige sie der Agentin.
Sie nimmt einige Bilder in die Kartei.
Aber sie schüttelt den Kopf.

„Du bewirbst dich“, sagt sie.
„Wähle die Bilder nicht danach aus, ob sie schön sind oder wie ein Kunstwerk wirken.
Es geht nicht darum, wie du aussehen könntest. Es geht darum, wie du bist.“

Dann: „Viele Fotos helfen dir nicht. Ein einziges gutes Porträt bringt dir mehr als zwanzig mittelmäßige.“

Sie macht eine kurze Pause. „In der Praxis wird zuerst ein Bild gesehen. Wenn dein Typ darauf überzeugt, schaut man sich vielleicht weitere an.“

Sie sieht mich an.
„Wenn dieses eine Bild nicht stimmt, ist alles andere egal.“

Fotos © L.Klein​

Heute weiß ich, worum es geht

Diese Erfahrung war eine klare Lehre.
Vor allem wegen der verlorenen Zeit.

Ich habe lange geglaubt, dass auffällige Bilder die bessere Wahl sind.
Das Gegenteil ist der Fall.

Am Ende bin ich doch zu meiner Großmutter gegangen.
Dort habe ich verstanden, was ein Schauspielerporträt leisten muss.

Wähle deine Bilder nicht nach Geschmack, sondern danach, ob sie dich zeigen.
Und: dein Hauptbild entscheidet. Der Headshot. Wenn dieses eine Bild nicht stimmt, ist alles andere egal.
Alles, was davon ablenkt, ist zweitrangig.

Und genau das erkläre ich heute auch Carina.

Wir gehen ihre Bilder gemeinsam durch. Carina zögert bei denselben Fotos, bei denen ich damals auch gezögert hätte:
die auffälligen, die besonderen.
Wir streichen sie.

Was bleibt, ist klarer als sie erwartet hat.
Am Ende liegen Bilder vor uns, die keine Fragen offen lassen.

Und der Headshot, der einfach stimmt.

Wenn du unsicher bist, worauf es bei Schauspielerporträts ankommt, findest du hier Antworten: Schauspielerfotografie FAQ

Wenn du sehen möchtest, wie solche Porträts konkret aussehen,
findest du Beispiele in meinem Portfolio.
Bild von Michaela Krauss-Boneau

Michaela Krauss-Boneau

fotografiert Schauspieler*innen sowie Menschen für Personal Branding und Corporate Branding. Sie fängt ein, was jemanden ausmacht und wie es sichtbar wird. Diesen Blick hat sie aus zwei Berufen: als Fotografin, ausgebildet an der LIK Akademie für Foto und Design, und als Leiterin der Schauspielschule Krauss in Wien, die sie seit 1990 in dritter Generation führt. Seit 2021 unterrichtet sie Theaterfotografie und Künstlerporträt in der Meisterklasse der LIK Akademie für Foto und Design.