Theater­fotografie: Tipps, Technik und Einblicke in die Praxis

Auf der Bühne gibt es keine Wiederholung. Kein planbares Licht, keinen zweiten Versuch, keinen Moment, der sich zurückholen lässt. Theaterfotografie ist eine der anspruchsvollsten fotografischen Disziplinen, weil sie unter Bedingungen stattfindet, die sich vollständig der Kontrolle entziehen.

In diesem Artikel zeige ich, worauf es in der Theaterfotografie wirklich ankommt. Du bekommst einen Einblick in den Probenprozess, die Arbeitsrealität im Theater und die technischen Grundlagen, die du kennen und beherrschen musst.

Was ist Theaterfotografie?

Theaterfotografie ist eine dokumentarische Form der Fotografie. Sie hält fest, was auf der Bühne entsteht, ohne in das Geschehen einzugreifen.

Fotograf*innen arbeiten unter Bedingungen, die sie nicht beeinflussen können. Licht, Inszenierung, Bewegungen der Schauspieler*innen und der Ablauf der Szenen sind vorgegeben. Gleichzeitig entstehen die Bilder in einem einmaligen Moment, der sich nicht wiederholen lässt.

Die Rolle der Theaterfotograf*innen ist dabei klar definiert: gut zuschauen, die Visualität beobachten und auf das reagieren, was auf der Bühne passiert, ohne zu versuchen, das Stück selbst zu interpretieren. Es geht darum, Ausdrücke, Lichtatmosphäre und Beziehungen zwischen den Schauspieler*innen einzufangen, nicht darum, eine eigene künstlerische Vision durchzusetzen.

Theaterfotografie dient dazu, eine Aufführung sichtbar zu machen. Für Presse, Programmhefte und Archiv entsteht ein visuelles Gesamtbild des Stücks. Einzelne Fotos müssen sowohl für sich funktionieren als auch den Zusammenhang der Inszenierung vermitteln.

Warum Theaterfotografie so anspruchsvoll ist

Die Bedingungen auf der Bühne

Die Bedingungen in der Theaterfotografie sind vollständig vorgegeben. Lichtdesign, Kulisse, Schauspieler*innen, Ablauf und Shootingdauer stehen von Haus aus fest. Fotograf*innen haben darauf keinen Einfluss.

Lichtstimmungen wechseln, Szenen entwickeln sich in Echtzeit und entscheidende Momente sind nicht wiederholbar. Wird ein Moment verpasst, ist er vergangen. Gleichzeitig muss man stundenlang höchstkonzentriert arbeiten, ständig die Kameraeinstellungen anpassen und vorausahnen, was als Nächstes auf der Bühne passiert.

Es ist von Vorteil, wenn Theaterfotograf*innen regelmäßig Vorstellungen besuchen. Das Gespür für dramaturgische Abläufe, Wendepunkte, Auftritte und Stimmungswechsel lässt sich nur durch Erfahrung schärfen. Wer nicht regelmäßig im Theater arbeitet, hat selten die Möglichkeit, dem Probenprozess beizuwohnen, und damit fehlt oft die Vorbereitung auf Lichtstimmungen, Abläufe und entscheidende Momente innerhalb einer Szene.

Was Theaterfotograf*innen mitbringen müssen

Technisches Können und ein gutes Auge sind die Basis. Mindestens genauso wichtig sind aber:

  • starke Nerven
  • hohe Konzentrationsfähigkeit
  • große Flexibilität
  • kleines Ego
  • schnelles Reagieren
  • große Geduld
  • ruhige Ausstrahlung

Wer diese Kombination mitbringt, findet in der Theaterfotografie eine der anspruchsvollsten und spannendsten fotografischen Aufgaben überhaupt.

Der tschechische Theaterfotograf Roman Polášek, der seit über 15 Jahren für mehrere Theater in Ostrava fotografiert, bringt die Haltung hinter diesem Beruf auf den Punkt:

“Die Visualität der Aufführung muss mit Demut eingefangen werden.
Ihre eigenen Visionen können Sie in der freien Schöpfung verwirklichen”

— Roman Polášek, Theaterfotograf

Der Probenprozess im Theater: von der Leseprobe bis zur Premiere

Es beginnt mit einer Leseprobe am Tisch, dann werden Szenen aus dem Stück im Raum probiert. Zu Beginn meist nur mit Markierungen statt einem Bühnenbild, denn das wird gerade gebaut. Die Schauspieler*innen tragen beim Proben private Kleidung und das Lichtdesign wird erst erarbeitet.

Fotografisch ist die Leseprobe eine besondere Situation. Es gibt kein Bühnenlicht, nur das vorhandene Raumlicht, oft gerade genug, damit die Schauspieler*innen ihre Textbücher oder Tablets lesen können. Von Dynamik oder Handlung ist noch nichts zu sehen. Was man einfangen kann, sind Gesichtszüge, Konzentration, erste Reaktionen, die Atmosphäre eines Moments, bevor das Stück wirklich zu leben beginnt. Mehr als ein paar aussagekräftige Bilder sind in dieser Phase selten drin.

Durchläufe und Hauptproben

In den Durchläufen beginnt das Stück, Form anzunehmen, aber wie weit die Produktion zu diesem Zeitpunkt ist, variiert stark. Manchmal wird noch im Privatgewand geprobt, manchmal bereits in Kostümen. Das Bühnenbild kann noch unvollständig sein, die Technik noch nicht vollständig eingerichtet. Fotograf*innen wissen oft erst vor Ort, was bereits steht und was noch fehlt.

In den Hauptproben sollte das Stück weitgehend stehen. Bühne, Kostüm und Licht sind in der Regel eingerichtet. Trotzdem kann es noch Änderungen geben, an der Inszenierung selbst, im Raum oder beim Lichtdesign. Man arbeitet also bereits unter annähernd realen Bedingungen, muss aber flexibel bleiben.

Generalprobe und letzte Anpassungen

Die Generalprobe ist die letzte Probe vor der Premiere und sollte im Idealfall einer echten Vorstellung entsprechen. Trotzdem kann sie noch unterbrochen und angepasst werden. Erst zur Premiere ist das Stück wirklich fix.

Die Anzahl der Durchläufe und Hauptproben und ob die Generalprobe mit oder ohne Publikum stattfindet, hängt immer vom Theater oder von der Regie ab.

In manchen Produktionen wird eine eigene Fotoprobe angesetzt. Das ist ein wohltuender Luxus, denn Fotograf*innen können sich in diesem Fall freier im Raum bewegen, Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven einfangen und gezielt auf bestimmte Momente warten, ohne den regulären Probenablauf zu stören.

Wann Theaterfotografie eingesetzt wird und wofür die Bilder gebraucht werden

Theaterfotografie wird in unterschiedlichen Phasen einer Produktion eingesetzt. Der Zeitpunkt des Shootings hängt davon ab, wofür die Bilder verwendet werden.

Typische Einsatzbereiche von Theaterfotos

  • Presseankündigungen
  • Pressekritiken
  • Programmhefte
  • Schaukästen im Theater
  • Archivdokumentation
  • Szenenfotos für Veröffentlichungen

Fotograf*innen werden teilweise bereits zu Leseproben eingeladen, um erste Pressebilder zu erstellen. In diesem Stadium sind Licht, Bühne und Kostüm oft noch nicht fertig ausgearbeitet, ein Fototermin kann also unter unfertigen Bedingungen stattfinden. Der ideale Zeitpunkt ist eine der letzten Hauptproben. Bühne, Licht, Kostüm und Maske sind dann weitgehend eingerichtet, und es bleibt noch genug Zeit, die Bilder rechtzeitig für Pressearbeit und Ankündigungen zu liefern. Die Generalprobe ist dafür meist zu spät.

Zeitdruck und Abgabe der Bilder

Der Abgabetermin der fertigen Fotos muss unbedingt im Vorfeld mit der Regie oder der Presseabteilung abgestimmt werden. In vielen Fällen werden die Bilder unmittelbar nach der Aufnahme benötigt. Sobald die Fotos im Kasten sind, beginnt die Nachbearbeitung. Auswahl, Entwicklung, Export und Versand müssen oft in kurzer Zeit erfolgen.

Veröffentlichung

Theaterfotos werden häufig bereits vor der Premiere für Pressearbeit und Ankündigungen verwendet. Diese Veröffentlichung erfolgt durch das Theater oder die Presseabteilung und wird intern gesteuert. Als Fotograf*in solltest du Bilder nicht eigenständig veröffentlichen, weder auf Social Media noch auf der eigenen Website, solange keine ausdrückliche Freigabe vorliegt. Es muss im Vorfeld klar festgelegt sein, welche Bilder wann und durch wen veröffentlicht werden dürfen.

Was gute Theaterfotografie ausmacht​

Gute Theaterfotografie vermittelt einen klaren Eindruck der Inszenierung. Der Betrachter muss anhand einzelner Bilder verstehen können, worum es im Stück geht, welche Atmosphäre herrscht und wie die Figuren zueinander stehen.

Ein aussagekräftiges Theaterfoto zeigt nicht nur eine einzelne Person, sondern bildet Beziehungen ab. Es macht sichtbar, wie Figuren miteinander verbunden sind, in welchem Spannungsverhältnis sie stehen und welche Dynamik zwischen ihnen entsteht.

Der richtige Moment ist entscheidend. Theaterfotografie lebt davon, einen Augenblick zu erfassen, der dramaturgisch trägt. Ein Bild wirkt dann, wenn es eine Handlung auf den Punkt bringt oder eine emotionale Verdichtung sichtbar macht.

Ebenso wichtig ist die Lichtstimmung. Das Licht ist Teil der Inszenierung und darf nicht verfälscht werden. Ein gutes Theaterfoto übernimmt die Lichtführung der Bühne und macht sie im Bild nachvollziehbar.

Theaterfotografie bedeutet auch, Vollständigkeit herzustellen. Alle Darsteller*innen sollten im Verlauf eines Shootings erfasst werden, ebenso die zentralen Szenen des Stücks. Die Bilder dienen nicht nur der Ästhetik, sondern auch der Dokumentation.

Gleichzeitig muss jedes einzelne Bild für sich funktionieren. Es reicht nicht, dass eine Serie insgesamt stimmig ist. Jedes Foto muss eigenständig lesbar sein und eine klare Aussage transportieren.

Vorbereitung auf einen Theater-Fotojob

Vor einem Theater-Fotojob gibt es nur begrenzte Informationen. Viele Details ergeben sich erst vor Ort. Trotzdem ist es sinnvoll, im Vorfeld einige zentrale Punkte zu klären. Ein kurzes Gespräch mit der Regie vor Beginn der Probe kann entscheidend sein, um nicht im Weg zu stehen und die richtigen Momente nicht zu verpassen.

Orientierung im Raum

Fotograf*innen sehen oft erst vor Ort, wie die Bühne aufgebaut ist. Wichtige Fragen im Vorfeld sind: Wo darf man sich aufstellen und wie weit darf man sich im Raum bewegen? Handelt es sich um eine Podestbühne oder eine Arenabühne? Befindet sich der Zuschauerraum unterhalb der Bühne oder auf gleicher Höhe? Gibt es eine Tribüne? Diese räumlichen Gegebenheiten bestimmen die Perspektive und die Möglichkeiten der Bildgestaltung.

Abläufe, Auftritte und besondere Effekte

Ebenso wichtig ist es, im Vorfeld zu wissen, wo die Auftritte der Schauspieler*innen stattfinden. Kommen sie ausschließlich von der Bühne, oder gibt es Auftritte aus dem Zuschauerraum? Kommt etwas vom Schnürboden herunter oder taucht etwas aus einer Versenkung auf? Gibt es Videoeinspielungen oder Beamer? All das sind Momente, die oft nur einmal stattfinden und nicht wiederholbar sind. Wer im Vorfeld davon weiß, kann sich rechtzeitig positionieren und den richtigen Moment einfangen.

Außerdem beeinflusst dieses Wissen die Wahl des Equipments. Wer weiß, dass besondere Effekte oder ungewöhnliche Perspektiven gefragt sind, kann gezielt eine zusätzliche Brennweite einpacken, etwa ein Weitwinkelobjektiv für Szenen, die nah am Geschehen fotografiert werden müssen.

Die Realität vor Ort

Trotz aller Vorbereitung bleibt ein großer Teil unvorhersehbar. Viele Entscheidungen entstehen kurzfristig, oft erst während der Probe oder unmittelbar vor der Aufführung. Fotograf*innen müssen sich schnell anpassen und unter wechselnden Bedingungen arbeiten.

Praxisbeispiel: Arbeiten unter unvorhersehbaren Bedingungen

Ich wurde einmal gebeten, für ein Tourneetheater, das in meiner Stadt gastierte, Fotos zu machen.

Tourneetheater reisen mit einem fertigen Stück, haben aber am jeweiligen Spielort oft nur eine Probe vor der Aufführung. In dieser Durchlaufprobe geht es vor allem um Technik, Licht sowie Auftritte und Abgänge.

Die Theatergruppe spielte in einem großen Raum, den sie ebenso wenig kannte wie ich. Um mich orientieren zu können, war ich sehr früh vor Ort. Während Bühne und Licht aufgebaut wurden, diskutierten die Schauspieler*innen ihre Auftrittsmöglichkeiten. Minuten vor Probenbeginn entschied die Regie, das gesamte Bühnenbild in eine andere Ecke des Raumes zu verlegen.

Schauspieler*innen müssen sich diesen Bedingungen anpassen. Theaterfotograf*innen ebenso.

DON JUAN - Theater zum Mitnehmen in der Kunsttankstelle, Wien

Die große Unbekannte in der Theaterfotografie

Der dramaturgische Ablauf ist für Fotograf*innen zunächst unbekannt. Szenen entwickeln sich in Echtzeit und Lichtstimmungen können sich innerhalb kürzester Zeit verändern.

Diese Unvorhersehbarkeit stellt hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Fotograf*innen müssen Standort und Kameraeinstellungen laufend anpassen, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert. Es ist nicht vorhersehbar, welche Requisiten auf die Bühne kommen, wann Figuren auftreten oder wie sich eine Szene entwickelt. Überraschungsmomente gehören zum Ablauf und sind nicht wiederholbar. Gerade diese Momente sind entscheidend.

Ob man das Stück im Vorfeld kennt oder nicht, ist letztlich eine Frage der persönlichen Arbeitsweise. Wer die Handlung kennt, kann Wendepunkte und entscheidende Szenen besser antizipieren. Wer ohne Vorwissen ins Theater geht, reagiert ungefiltert auf das Geschehen und erlebt jeden Moment so, wie er kommt. Für Fotograf*innen, die den Adrenalinkick des Unbekannten schätzen, ist genau das der Reiz. Andere arbeiten lieber mit einem gewissen Vorwissen im Rücken. Beides funktioniert, und erfahrene Theaterfotograf*innen kennen beide Zugänge.

Es menschelt am Theater

Die Entstehung einer Theateraufführung stellt hohe Anforderungen an das gesamte Team. In kurzer Zeit müssen viele Abläufe ineinandergreifen und funktionieren.

Vor allem in den Tagen vor der Premiere herrscht oft hohe Anspannung. Die Zeit läuft dem Team davon, Entscheidungen müssen schnell getroffen werden und es sind noch unzählige Details zu klären. Als Fotograf*in betritt man in diesem Moment eine Arbeitsatmosphäre, die von Konzentration, Erschöpfung und mitunter auch gereizter Stimmung geprägt ist.

Es kann durchaus vorkommen, dass man unbeabsichtigt im Weg steht oder ein störendes Geräusch verursacht und dafür einen Anpfiff bekommt. Mein Rat: nicht persönlich nehmen, gegebenenfalls kurz entschuldigen und konzentriert weitermachen.

In dieser Situation ist es wichtig, ruhig, aufmerksam und respektvoll zu arbeiten. Fotograf*innen bewegen sich in einem sensiblen Umfeld. Sie sind Teil des Geschehens, dürfen dieses aber nicht stören. Geräusche, unbedachte Bewegungen oder eine ungünstige Position können die Arbeit auf der Bühne beeinflussen. Die Zusammenarbeit mit Regie, Schauspieler*innen und Technik erfordert ein gutes Gespür für die Situation. Wer die Abläufe im Theater versteht, kann sich besser orientieren und angemessen reagieren.

Auch Fotograf*innen sind keine Roboter. Eine gewisse Nervosität und Grundanspannung sind normal. Man weiß nicht genau, wo man sich am besten platziert, wo die Kameratasche griffbereit steht ohne zur Stolperfalle zu werden, und traut sich kaum zu bewegen, wenn der Boden unter den Füßen knarrt. Technische Probleme können auftreten, das Licht kann schwieriger sein als erwartet, die eigene Position im Raum ist nicht optimal. Fotograf*innen passen ihren Standort laufend an, beobachten das Geschehen und reagieren auf Veränderungen. Diese Unsicherheit gehört zur Theaterfotografie. Entscheidend ist, auch unter diesen Bedingungen konzentriert zu arbeiten.

Der Standpunkt der Fotograf*innen

Theaterfotograf*innen sind ständig in Bewegung. Sie beobachten das Geschehen, passen ihren Standort an und suchen die passende Perspektive für den jeweiligen Moment. Gleichzeitig müssen sie sich unauffällig verhalten und dürfen die Aufführung nicht stören. Die eigene Position beeinflusst, wie die Szene im Bild wirkt.

In den meisten Fällen arbeiten Fotograf*innen aus dem Zuschauerraum heraus. Ob aus den vorderen Reihen oder weiter hinten, hängt von der Größe des Raumes und dem Bühnenaufbau ab.

Unterschiedliche Bühnenformen führen zu unterschiedlichen Blickwinkeln. Eine erhöhte Bühne erzeugt häufig eine Untersicht, während eine Tribüne eine Sicht von oben ermöglicht. Befindet sich die Fotograf*in auf Augenhöhe mit den Darsteller*innen, kann sie durch eine veränderte Körperhaltung gezielt Perspektiven gestalten.

Die Kleidung der Theaterfotograf*innen

Während das Publikum still sitzt, sind Fotograf*innen ständig in Bewegung. Das nehmen Darsteller*innen wahr, auch wenn sie auf der Bühne stehen. Eine Person, die sich durch den Zuschauerraum bewegt, kann ablenken und irritieren.

Dazu kommt, dass das Bühnenlicht in manchen Theatern bis in die vorderen Reihen des Zuschauerraums strahlen kann. Helle oder auffällige Kleidung reflektiert dieses Licht und zieht zusätzlich Aufmerksamkeit auf sich. Dunkle, unauffällige Farben helfen, im Raum zu verschwinden. Ebenso wichtig sind leise Schuhe mit Gummisohlen, damit jeder Schritt ungehört bleibt.

Die eigene Präsenz so weit wie möglich zu reduzieren ist kein Stilpunkt, sondern Respekt gegenüber der Arbeit auf der Bühne.

Der Fotostil

Der Fotostil bleibt grundsätzlich den Fotograf*innen überlassen.

Frühere Formen der Bühnenfotografie waren stärker dokumentarisch und distanziert, was auch technische Gründe hatte. Kameras brauchten mehr Licht oder längere Belichtungszeiten, was spontane Nahaufnahmen und das Einfangen schneller Bewegungen kaum möglich machte. Übersichtsbilder, die die gesamte Bühne zeigen, waren damals die Regel.

Heute steht eine intensivere, bildgestalterische Herangehensweise im Vordergrund. In der modernen Theaterfotografie geht es darum, Nähe zum Geschehen herzustellen, Emotionen sichtbar zu machen und Dynamik im Bild zu erzeugen. Übersichtsbilder haben weiterhin ihre Berechtigung, sie vermitteln den räumlichen Kontext der Inszenierung und zeigen das gesamte Bühnenbild. Sie werden aber durch detailreiche und emotional dichte Aufnahmen ergänzt, die näher an den Darsteller*innen und am Geschehen sind.

Die Nachbearbeitung

In der Nachbearbeitung gilt ein zurückhaltender Umgang mit den Bildern.

Ziel ist es, die Lichtstimmung der Inszenierung so originalgetreu wie möglich wiederzugeben. Das Lichtkonzept entsteht im Theater und sollte im Bild erhalten bleiben.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert der Weißabgleich. Durch unterschiedliche Lichtquellen kann es notwendig sein, die Farbtemperatur manuell anzupassen. Alle Bilder sollten eine konsistente Farbwirkung haben.

Starke Bildbearbeitungen oder stilisierte Looks sind in der Theaterfotografie nicht zielführend. Im Vordergrund steht der Inhalt der Aufnahme.

Schwarzweiß-Umsetzungen sollten nur erfolgen, wenn sie ausdrücklich gewünscht sind.

Technische Einstellungen in der Theaterfotografie

Theaterfotografie ist eine technische Herausforderung. Theaterarbeit ist Available-Light-Fotografie, also Fotografie mit vorhandenem Licht. Man arbeitet mit wenig Licht, hohen Empfindlichkeiten und geringer Schärfentiefe. Eine lichtstarke Kamera ist von Vorteil, da in der Theaterfotografie hohe ISO-Zahlen eingesetzt werden müssen.

Lichtverhältnisse

Mit zu viel Licht kann man keine Stimmung aufbauen, deshalb sind wenig Licht und unterschiedliche Lichtstimmungen im Theater geläufig. Haben wir nicht auch in unseren Wohnräumen unterschiedliche Lichtquellen, um Stimmung zu erzeugen? Das große Deckenlicht schaltet man nur ein, um volle Helligkeit zu schaffen, aber Stimmung entsteht damit nicht. Im Theater funktioniert es genauso. Was für das menschliche Auge stimmig wirkt, ist für den Kamerasensor oft bereits zu wenig. Das Auge verzeiht mehr als die Kamera.

Mit immer weniger Licht auf der Bühne zu arbeiten, ist über die Jahrzehnte am Theater immer mehr in Mode gekommen. Für Kamerasensoren wird es verhältnismäßig immer dunkler. Zum Glück sind die Sensoren im Lauf der Jahre empfindlicher geworden. Trotzdem bleibt die Situation anspruchsvoll, weil sich die Lichtverhältnisse während einer Vorstellung stimmungsbedingt ständig ändern und oft sogar mehrere Lichtstimmungen gleichzeitig vorhanden sind.

Nicht nur durch Videoeinspielungen oder Beamer entstehen zusätzliche Lichtquellen. Auch auf der Bühne selbst gibt es oft unterschiedliche Helligkeitsräume, in denen sich die Darsteller*innen befinden. Es kann vorkommen, dass die Technik noch nicht fertig eingerichtet wurde und sich Schauspieler*innen in stark unterschiedlichen Helligkeitsbereichen bewegen. Mit bloßem Auge erkennt man den Unterschied vielleicht nicht so sehr, der Sensor reagiert darauf aber empfindlich. Hier muss in der Nachbearbeitung mit Maß nachgeholfen werden.

Achtung: Sind diese unterschiedlichen Helligkeitsräume Teil der Inszenierung, müssen Fotograf*innen bei der Nachbearbeitung unbedingt darauf achten, dass die Lichtstimmung nicht verloren geht.

Eine besondere Herausforderung sind Inszenierungen mit wenig oder gleichbleibendem Licht. Was auf den ersten Blick einfacher wirkt, ist fotografisch anspruchsvoller. Wechselt das Licht kaum, muss man besonders viele Bilder machen, damit sie einander nicht ähneln. Man beginnt intensiv über Standortwechsel, Perspektiven und Bildaufbau nachzudenken, weil die Handlung allein nicht genug Variation liefert. Für Fotograf*innen, die den ständigen Wechsel und die Unvorhersehbarkeit lieben, kann das durchaus zur Geduldsprobe werden.

Belichtungsmessung

Auf die automatische Belichtungsmessung durch die Kamera sollte man nach Möglichkeit verzichten, denn sie wird durch den schwarzen Raum getäuscht. Wenn man sich auf den automatischen Belichtungsmesser verlässt, werden die Gesichter der Schauspieler*innen in der Regel überbelichtet.

Eine praktikable Methode ist, die Belichtung anhand einer Nahaufnahme eines Gesichts festzulegen und diese Einstellung in der jeweiligen Lichtstimmung beizubehalten. Die Kameratechnik müssen Theaterfotograf*innen im Schlaf beherrschen. Denn oft ist es gar nicht möglich, in jeder Situation ideal nachzujustieren. Man kann dann nur mittig belichten und versucht, Abweichungen später in der Nachbearbeitung auszugleichen.

Da die Lichtverhältnisse im Minutentakt wechseln und man nie genau weiß, wie sie sich verändern, muss die Belichtung ständig angepasst werden. Eine Möglichkeit ist die Arbeit mit Belichtungskorrektur. Trotzdem kommt man nicht darum herum, laufend an den Einstellrädern zu schrauben und zu justieren. Automatisch geht im Theater jedenfalls gar nichts.

Dabei ist zu beachten, dass sich Lichtverhältnisse auch sehr langsam verändern können, etwa bei einem simulierten Sonnenuntergang. Solche Veränderungen werden oft erst spät wahrgenommen, beeinflussen die Belichtung aber bereits deutlich.

Spiegellose Kameras erleichtern die Belichtungsmessung durch die Live-Darstellung im Sucher, haben aber bei bestimmten Lichtfrequenzen den Nachteil von Streifenbildung.

Belichtungszeit

Für die Belichtungszeit gibt es keinen einzigen fixen Wert, aber sie sollte kurz sein. Man kann sich als Grundregel am Kehrwert der Brennweite orientieren. Bei 200 mm Brennweite bedeutet das mindestens 1/200 Sekunde. Diese Regel ist jedoch nur ein Ausgangspunkt. Im Theater muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass sich Schauspieler*innen auf der Bühne teilweise sehr schnell und plötzlich bewegen.

Der Bildstabilisator sollte eingeschaltet sein, aber auch er bewirkt keine Wunder. Die Darsteller*innen stehen nicht still, und Fotograf*innen bewegen sich ebenfalls. Deshalb hilft der Bildstabilisator zwar, ersetzt aber keine sinnvoll gewählte kurze Verschlusszeit.

Kamera

Zur Grundausstattung gehören Kameragehäuse, Objektive, Speicherkarten und Akkus. Idealerweise arbeitet man mit zwei Kameragehäusen, um Objektivwechsel zu vermeiden. Gerade im Theater kann während eines Objektivwechsels auf der Bühne sehr viel passieren, das dann unwiederbringlich versäumt wird.

Eine Kamera für Theaterfotografie sollte robust, zuverlässig und lichtempfindlich sein.

Objektive

Je lichtstärker die Objektive sind, desto besser. Die Wahl der Brennweiten hängt von der Größe und Tiefe des Bühnenraums ab. Je nach Situation kann alles vom Weitwinkel bis zum Telezoom sinnvoll sein.

Das Wechseln der Objektive während der Vorstellung muss leise und unauffällig erfolgen, ebenso ein Akkuwechsel. Wenn die Möglichkeit besteht, mehrere Kameras einzusetzen, erspart man sich einen Objektivwechsel und damit das Risiko, währenddessen einen entscheidenden Moment zu verpassen.

In der Praxis hat sich die Arbeit mit zwei lichtstarken Zoomobjektiven bewährt, einem 24-70 mm f/2.8 und einem 70-200 mm f/2.8. Beide Objektive beginnen bei Blende 2.8 und decken damit einen großen Teil der Situationen im Theater ab, insbesondere aus dem Zuschauerraum heraus. Habe ich mich vor Ort für diese zwei Objektive entschieden, findet während der Vorstellung meistens kein Wechsel mehr statt.

Vor- und Nachteile der DSLR oder DSLM

Die DSLR, also die Spiegelreflexkamera, ist schwer und ihr mechanischer Verschluss laut. Ihr Vorteil liegt in der farbechten Wiedergabe und in der besseren Beherrschung schwieriger Mischlichtsituationen.

Die DSLM, also die spiegellose Systemkamera, hat große Vorteile: geräuschloses Auslösen, Live-Darstellung der Kameraeinstellungen im Sucher und ein kleineres, leichteres Gehäuse. Dem stehen aber auch erhebliche Nachteile gegenüber: Streifenbildung bei bestimmten Lichtfrequenzen und eine Farbenechtheit, die nicht mit jener der DSLR vergleichbar ist.

Im Theater wird immer häufiger mit LED-Lichttechnik oder Mischlicht gearbeitet. Das führt in manchen Fällen zu Streifenbildung im Bild, die bei bestimmten Lichtfrequenzen auftritt. Auch die Lichtfarben korrekt einzufangen ist durch moderne Lichttechnik schwierig. LED hat ein heikles Lichtspektrum. Vereinfacht gesagt erscheint das Bild am Sensor farblich oft anders, als das Licht in Wirklichkeit wahrgenommen wird.

Kameraeinstellungen und ISO

In der Theaterfotografie arbeitet man in der Regel manuell. Manche Fotograf*innen arbeiten mit Blendenautomatik, grundsätzlich verlangt die Situation im Theater aber ein hohes Maß an Kontrolle.

Hohe ISO-Werte sind normal, meistens 1600 ISO aufwärts. Der große Vorteil gegenüber der analogen Fotografie liegt darin, dass die ISO-Empfindlichkeit bei jeder Lichteinstellung angepasst werden kann.

Der praktische Leitsatz dazu lautet: besser verrauscht als verwackelt. Ein technisch perfektes, aber verwackeltes Bild ist unbrauchbar. Ein leicht rauschendes Bild kann hingegen trotzdem stark und verwendbar sein, wenn der Moment stimmt.

Fokus

Die Schärfe spielt in der Theaterfotografie eine große Rolle. Der Fokuspunkt gehört auf das Zentrum des Geschehens. Das bedeutet nicht nur auf Augen und Gesichter scharf zu stellen, sondern auch auf Gesten, Handbewegungen und jene Details, die in der Szene Bedeutung tragen.

Bei der Fokuseinstellung kommen entweder manuelle Fokussierung oder Autofokus auf ein zentrales Messfeld infrage.

Vom Follow-Autofokus ist im Theater eher abzuraten, weil er leicht auf das Falsche scharf stellt. Der Fokuspunkt springt dabei oft dorthin, wo er gerade nicht sein soll.

Serienfotografie kann helfen, sollte aber bewusst eingesetzt werden. Nicht wie Paparazzi losschießen. Das irritiert die Darsteller*innen. Auch bei der Technik gilt also: nicht nur schnell, sondern kontrolliert arbeiten.

Bildformate

Theaterfotos werden zum größten Teil im Querformat gebraucht, weil die Ansicht auf eine Bühne dieses Format von Natur aus mit sich bringt. Für Details und Nahaufnahmen einzelner Darsteller*innen kann das Hochformat aber bildstärker und interessanter sein. Eine gute Auswahl aus beiden Formaten ist daher sinnvoll.

Vorab sollte unbedingt abgesprochen werden, wofür die Fotos gebraucht werden. Für Programmhefte oder bestimmte Layouts werden häufig Hochformate benötigt, für Schaukästen im Theater eher Querformate. Im Zweifel einfach nachfragen.

Theaterfotografie verlangt Aufmerksamkeit, Erfahrung und ein gutes Gespür für den richtigen Moment. Wer sich darauf einlässt, arbeitet unter Bedingungen, die sich nicht kontrollieren lassen und genau darin liegt ihre besondere Qualität.

Bild von Michaela Krauss-Boneau

Michaela Krauss-Boneau

fotografiert Schauspieler*innen sowie Menschen für Personal Branding und Corporate Branding. Sie fängt ein, was jemanden ausmacht und wie es sichtbar wird. Diesen Blick hat sie aus zwei Berufen: als Fotografin, ausgebildet an der LIK Akademie für Foto und Design, und als Leiterin der Schauspielschule Krauss in Wien, die sie seit 1990 in dritter Generation führt. Seit 2021 unterrichtet sie Theaterfotografie und Künstlerporträt in der Meisterklasse der LIK Akademie für Foto und Design.